CentOS 8

Mehr als vier Monate nach der Vorstellung von Red Hat Enterprise Linux 8 ist endlich auch CentOS 8 verfügbar. Genaugenommen lautet die Versionsnummer nicht 8, sondern 8.0.1905. CentOS wurde also von RHEL 8.0 geklont, das im Mai 2019 veröffentlicht wurde. (Dass CentOS erst im September 2019 veröffentlicht wurde, spielt in der Versionsnomenklatur keine Rolle.)

CentOS ist der populärste RHEL-Klon und wird vor allem im Server-Bereich oft als Geld sparende Alternative zu RHEL eingesetzt. Dieser Artikel fasst kurz zusammen, wodurch sich CentOS 8 von RHEL 8 unterscheidet, und erläutert das neue Angebot CentOS Stream.

Aus technischer Perspektive lässt sich zu CentOS 8 nicht allzu viel schreiben, was nicht 1:1 für RHEL 8 gilt. Tatsächlich verweisen die Release Notes von CentOS 8 in erster Linie auf jene von RHEL 8 und zählen nur kurz die wenigen Red-Hat-spezifischen Pakete auf, die in CentOS fehlen.

Dementsprechend kann auch ich nur auf meinen entsprechenden Blogbeitrag vom Mai 2019 hinweisen, in dem ich die wichtigsten Neuerungen und Versionsnummern von RHEL 8 zusammengefasst habe. CentOS verhält sich wie RHEL und ist zu RHEL binärkompatibel. Die Unterschiede betreffen das Copyright, den Support, die Hardware-Unterstützung und die Kosten:

  • CentOS ist samt Updates kostenlos verfügbar, auch für den kommerziellen Einsatz.

  • Bei der Installation bzw. Inbetriebnahme entfällt daher die Registrierung mit dem Subscription Manager.

  • Als einzige Hardware-Architektur wird zur Zeit x86_64 unterstützt. Es werden die Architekturen x86_64, aarch64 und ppc64le unterstützt (siehe http://isoredirect.centos.org/centos/8-stream/isos/).

  • Diverse Bitmaps mit dem Red-Hat-Logo sowie Copyright-Hinweise etc. wurden durch entsprechende CentOS-Logos bzw. -Texte ersetzt.

  • Gleichzeitig müssen Sie auf jede Art von Support verzichten.

  • Der Einsatz von CentOS steht und fällt damit, dass es dem winzigen CentOS-Team weiterhin gelingt, das Projekt einigermaßen zeitgerecht zu warten. Das monatelange Warten auf CentOS 8 hat gezeigt, dass hier die Achillesferse des Projekts ist.

CentOS 8 Installation
Die Lizenz: kurz und bündig
CentOS 8 in einer virtuellen Maschine (KVM/libvirt)
Webadministration mit Cockpit

Minimalinstallation

Es gibt aktuell leider keine Minimal-ISO-Image. Sie haben die Wahl zwischen dem Network-ISO (dann müssen aber während der Installation alle Pakete heruntergeladen werden), oder dem riesigen All-in-ISO (7 GiB).

Den Installationsumfang können Sie im Punkt Software-Auswahl festlegen. Eine minimale Installation beansprucht 1,3 GiB im Root-Dateisystem. Nach dem ersten yum update sind es 1,4 GiB. Im Betrieb reichen für einfache Aufgaben 512 MiB RAM aus. Zur Installation im Grafikmodus ist aber 1 GiB erforderlich.

EPEL

Zusammen mit RHEL/CentOS kommt üblicherweise die externe Paketquelle EPEL zum Einsatz. Wie ich vor ein paar Wochen schon geschrieben habe, ist EPEL 8 allerdings erst halbfertig. Dieses Problem betrifft in gleichem Maße RHEL und CentOS.

Anders als unter RHEL kann EPEL unter CentOS besonders einfach aktiviert werden:

yum install epel-release

Fertig!

CentOS 8 in der Praxis

Es ist ein wenig verwegen, ein paar Stunden nach dem Release schon vom Praxiseinsatz zu schreiben. Aber zumindest meine ersten Tests in einer virtuellen Maschine vermitteln den beruhigenden Eindruck, dass sich CentOS tatsächlich/erwartungsgemäß/weiterhin — exakt wie RHEL verhält. Ja, eigentlich sogar besser! yum update oder yum install arbeiten nämlich auf Anhieb und nicht erst nach einer mühsamen Registrierung. Andere Unterschiede sind mir nicht aufgefallen, wenn man einmal vom blauen statt roten Desktop-Hintergrundbild absieht.

CentOS Stream

Die heutige Ankündigung von CentOS 8 enthielt eine Überraschung: Neben CentOS 8 wurde auch CentOS Stream vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine Art Rolling-Release-Variante von CentOS, nicht so progressiv wie Fedora, aber auch nicht so konservativ wie RHEL/CentOS. CentOS Stream ist also eine Distribution, die sich ständig durch Updates erneuert und Pakete enthält, die im offiziellen RHEL/CentOS noch nicht Einzug gefunden haben.

Aus der Sicht von Red Hat soll CentOS Stream neben Fedora eine zweite Spielwiese werden, um neue, schon weitgehend praxistaugliche Enterprise-Features einer größeren Öffentlichkeit/Testgemeinde zugänglich zu machen.

Schleierhaft bleibt, ob CentOS Stream auch von der Anwenderseite auf Interesse stößt: Linux-Fans, die die gerne die neuesten Features ausprobieren möchten, werden bei Fedora bleiben. Administratoren, die eine stabile Server-Umgebung für den Langzeit-Einsatz brauchen, sind mit CentOS gut bedient. Unklar erscheint mir dagegen die Zielgruppe von CentOS Stream.

Hintergründe zum CentOS-Projekt

Das immerhin schon 15 Jahre alte CentOS-Projekt wurde seit jeher von einer relativ kleinen Gruppe von Entwicklern betrieben. Vordergründig geht es ja »nur« darum, den Quellcode der RHEL-Original-Pakete von allen Logos, Copyright-Texten etc. zu befreien, dann neu zu kompilieren und auf Paketservern bzw. in Form von Installations-Images zur Verfügung stellen. Diese Vorgehensweise ist gedeckt durch die GPL.

Tatsächlich sind diese Arbeiten (und insbesondere die damit verbundenen Tests zur Qualitätskontrolle) aber mit enormen Arbeitsaufwand verbunden. Zusammen mit den Umstellungsarbeiten, die durch das in RHEL 8 neu eingeführte Paketverwaltungssystem (»AppStreams«) notwendig waren, dauerte es dann eben über vier Monate, bis CentOS 8 fertig wurde.

Als sich Red Hat 2014 für viele überraschend das CentOS-Team einverleibte, war unklar, welche Konsequenzen dies für das CentOS-Projekt haben würde. Heute kann man wohl zusammenfassen: keine. Red Hat hat das CentOS-Projekt nicht abgewürgt, es hat das Projekt auf der anderen Seite aber auch nicht extra gefördert (zumindest soweit man das von außen beurteilen kann). Und so trägt unverändert ein winziges Team die Last, die Distribution am Leben zu halten und über Jahre/Jahrzehnte für rasche Paket-Updates zu sorgen.

Vermutlich ist der aktuelle Zustand aus der Perspektive von Red Hat bzw. IBM ideal: Einerseits gibt es mit CentOS eine kostenlose und populäre RHEL-Alternative aus dem eigenen Haus. Das ist immer noch besser, als wenn Linux-Enthusiasten auf das ebenfalls von RHEL abgeleitete Oracle Linux umsteigen. (Eine dritte RHEL-Variante, Scientific Linux, wird für Version 8 nicht mehr weiter gepflegt.)

Andererseits muss jedem kommerziellen Anwender klar sein, dass die Sicherheit seiner Installationen an einem winzigen Team, also sprichwörtlichen an einem seidenen Faden hängt; eine gute Motivation also, irgendwann in den sauren Apfel zu beißen und doch das Original zu kaufen …

Ein wenig irritierend war auch das Zustandekommen von CentOS 8 mit einem absolutem Minimum an Kommunikation. Auf in der Mailing-Liste geäußerte Hilfeangebote gingen die Entwickler kaum ein. Ein Community-nahes Open-Source-Projekt sieht anders aus. Aber wahrscheinlich sollte ich an dieser Stelle einfach dankbar sein, dass es CentOS gibt … (Bin ich.)

Quellen

CentOS Stream

RHEL 8

5 Gedanken zu „CentOS 8“

  1. Hallo,

    Ich war ganz gespannt wie CentOS 8 aussieht und läuft, und habe es gleich mal in
    Virtualbox von rpmfusion unter Fedora installiert.
    3 Fragen stellen sich mir noch:
    – wie finde ich die eclipse-Umgebung ala https://www.softwarecollections.org/en/scls/rhscl/rh-eclipse46/
    – wie finde ich sowas wie dnfdragora unter Fedora
    – wie komme ich zu den Virtualbox-Treibern, in rpmfusion sind sie für CentOS 8 nicht,
    und https://linuxconfig.org/virtualbox-install-guest-additions-on-redhat-8
    kann ja nicht die Lösung sein.

    Ansonsten: tolle Leistung, sehr schön

    Danke, Jan

      • dnfdragora: außer dem unsäglichen Programm ‚Software‘ gibt es meines Wissens keine GUIs zur Paketverwaltung. Aber yum reicht doch, oder?

      • VirtualBox Gasttreiber: solange niemand fertige Pakete anbietet, müssen Sie die Gasttreiber manuell installieren wie im obigen Link beschrieben. Falls Sie Linux als Host-System verwenden: Ich bin weitestgehend auf KVM + virt-manager umgestiegen. Da laufen die meisten Distributionen ohne Gasttreiber auf Anhieb. ‚It just works …‘

      • Eclipse: ich würde denken, manueller Download von https://www.eclipse.org/downloads/ und Installation; fertige Eclipse-Pakete haben in meiner Praxis noch nie gut funktioniert (egal, auf welcher Distribution)

      1. Hallo,

        Programm „Software“, das Wort unsäglich trifft es genau…
        yumex (GU) kam auch später über epel
        Virtualbox: ich habe die aktuelle Fedora Workstation als Host und Windows als Gast, Schnelltest mit CentOS 8
        demzufolge in virtualbox
        CentOS 7 läuft bei mir unter KVM/virt-manager auch reibungslos
        In Fedora sind eclipse-packages, vielleicht kommen die über epel?

        BTW: mein Erstkontakt war ein modifiziertes RH-Linux 9 ~1999/2000, mit einem Schwenk durch alle
        Distributionen, Mandrake war für den Desktop Klasse, Bin ich dann doch wieder zu den Rothüten zurück ;-)

        Viele Grüße, Jan

  2. Als Architekturen gibt es ISOs für ppc64le und aarch64. Hab aber grade keine Kiste zum gegentesten zur Hand… vor allem EPEL ist recht klein gerade, da fehlt noch einiges zum produktiven Einsatz.

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