AlmaLinux oder Oracle Linux oder Rocky Linux?

Mein Linux-Freund Niki Kovacs hat mich heute kontaktiert: Soll man als CentOS-Ersatz Rocky Linux oder doch eher Oracle Linux empfehlen? Ich habe per Mail schon geantwortet, aber ich will die Frage hier ein wenig ausführlicher diskutieren und lade Sie ein, in den Kommentaren Ihre eigene Sichtweise zu präsentieren.

Prinzipiell geht es um die Frage: Welcher RHEL-Klon ist der beste, wenn kein Geld für eine RHEL-Lizenz da ist? CentOS 8 scheidet aus, der RHEL-Klon schlechthin hat ja für Ende 2021 die Einstellung von Updates angekündigt (siehe auch meinen Nachruf auf CentOS). Es gibt aber mittlerweile eine Menge Alternativen (hier in alphabetischer Reihenfolge):

  • AlmaLinux
  • CentOS Stream
  • Oracle Linux
  • Red Hat Enterprise Linux (RHEL) mit einem Developer Account kostenlos nutzen
  • Rocky Linux

Update 7.7.2021: Gerade habe ich noch einen RHEL-Klon entdeckt: Virtuozzo VzLinux

RHEL kostenlos nutzen

Beginnen wir mit dem Original. Natürlich ist es schön, dass Open-Source-Lizenzen das Angebot von RHEL-Klonen überhaupt möglich machen; aber wozu einen Klon verwenden, wenn Red Hat jetzt 16 kostenlose RHEL-Installationen im Produktiveinsatz erlaubt (FAQs for no-cost Red Hat Enterprise Linux)?

Ich habe es ausprobiert. Ein paar Mausklicks reichen aus, um einen Red Hat Developer Account einzurichten — aber in der Folge ist von der kostenlosen Red Hat Developer Subscription for Individuals in der Red-Hat-Weboberfläche nichts zu sehen. Auch die Registrierung einer neuen RHEL-Installation scheitert mit unklaren Fehlermeldungen.

Schließlich habe ich den Red-Hat-Support per Mail kontaktiert. Sehr freundlich hat man mir dann einen halben Tag später die RHEL-Subscription freigeschaltet. Anscheinend gibt es da keinen Automatismus. Das kostenlose Angebot ist allerdings auf ein Jahr limitiert und muss dann verlängert werden. (Mangels eigener Erfahrung kann ich nicht sagen, ob dazu wieder ein E-Mail-Kontakt erforderlich ist.)

Die Weboberfläche zur Verwaltung von RHEL-Subskriptionen

Nach der manuellen Freischaltung ist die Aktivierung von RHEL-Systemen dann möglich. Die Verwaltung der Subskriptionen bleibt allerdings unübersichtlich. Die dafür vorgesehene GUI innerhalb von Red Hat habe ich schon in der Vergangenheit als recht fehleranfällig erlebt.

GUI zur Subskriptionsverwaltung innerhalb von RHEL

Immerhin lässt sich die Verwaltung auch per Kommando erledigen:

subscription-manager register --username <yourname> --password <pw>

  Das System wurde mit ID registriert: 764c...
  Der registrierte Systemname lautet: <hostname>

subscription-manager role --set="Red Hat Enterprise Linux Server"

  role set to "Red Hat Enterprise Linux Server".

subscription-manager service-level --set="Self-Support"

  service_level_agreement set to "Self-Support".

subscription-manager usage --set="Development/Test"

  usage set to "Development/Test".

subscription-manager attach

  Aktueller Status der installierten Produkte:
  Produktname: Red Hat Enterprise Linux for x86_64
  Status: Subskribiert

Fazit: Red Hat ist mittlerweile durchaus großzügig und erlaubt die kostenlose Nutzung von bis zu 16 RHEL-Installationen im Produktivbetrieb. Allerdings ist das Handling der Lizenzen mühsam und für Open-Source-verliebte Linux-Anwender ungewohnt. Ein wenig stellt sich die Frage nach dem Nutzen. Letzlich bleibt nur ein Argument: Paket- und Versions-Updates erfolgen beim Original in der Regel ein paar Tage schneller als bei den Klonen.

CentOS Stream

Red Hat bewirbt CentOS Stream als Nachfolger von CentOS. CentOS Stream ist wie CentOS kostenlos verfügbar. Ansonsten gibt es aber zwei gewichtige Unterschiede:

  • Zum einen ist CentOS Stream nicht mehr vollständig RHEL-kompatibel. Vielmehr werden für RHEL geplante Updates zuerst für CentOS Stream freigegeben. Das kann man durchaus als Vorteil sehen — vor allem, weil die lahme Update-Versorgung in der Vergangenheit ein großes CentOS-Problem war. Andererseits ist klar, dass CentOS Stream für Red Hat damit zur Testumgebung wird: Sollte bei einem Update doch ein Problem auftreten, werden die CentOS-Stream-Anwender dieses feststellen, bevor die zahlenden RHEL-Kunden damit beglückt werden.

  • Zum anderen hat CentOS Stream eine viel kürze Lebenszeit als RHEL. Während für CentOS in der Vergangenheit wie RHEL 10 Jahre Updates versprach, wird es diese für CentOS Stream nur ca. vier bis fünf Jahr geben. (Dieser Zeitraum ist nicht in Stein gemeißelt. Er hängt davon ab, wir rasch Red Hat die jeweils nächste RHEL-Version fertig stellt.)

Persönlich könnte ich mit Punkt 1 leben. In aller Regel sind die Paket-Updates absolut ausgereift (siehe auch diesen Artikel in der CentOS-Mailing-Liste), wenn sie für CentOS Stream freigegeben werden. CentOS Stream ist nicht Fedora und schon gar nicht Debian unstable. Aber aufgrund von Punkt 2 ist CentOS Stream aus meiner Sicht weitgehend uninteressant für den produktiven Server-Einsatz.

Oracle Linux

Damit kommen wir zu den Klonen. Seit über 15 Jahren am Markt etabliert ist Oracle Linux. Oracle vermarktet sein Linux primär als kommerzielles Angebot und versucht, sich mit Zusatzfunktionen von RHEL abzuheben: Dazu zählen ein neuerer Kernel (im Marketing-Jargon: »Unbreakable Enterprise Kernel«), Ksplice-Kernel-Updates im laufenden Betrieb sowie eine bessere Unterstützung des von Oracle mitentwickelten Dateisystems btrfs.

Anfänglich war Oracle Linux wie RHEL ausschließlich für zahlende Kunden zugänglich, wenn auch zu günstigeren Preisen als bei RHEL. Seit 2012 kann Oracle Linux inklusive aller Updates kostenlos bezogen werden und steht damit auf einer Ebene mit AlmaLinux und Rocky Linux. Oracle verspricht, dass Linux auch weiterhin frei zugänglich bleiben wird.

Für Oracle spricht, dass die Update-Versorgung in den letzten 15 Jahren ausgezeichnet (viel besser als bei CentOS) funktioniert hat. Dagegen spricht, dass Oracle in der Vergangenheit keine glückliche Hand mit Open-Source-Projekten hatte. Java, MySQL, OpenOffice führen die Liste der von Oracle übernommenen Projekte an, die prompt Konflikte mit der Community und Forks verursacht haben.

Eine Oracle-Linux-Installation in einer virtuellen Maschine

AlmaLinux und Rocky Linux

Wenige Tage nach der Ankündigung vom Ende von CentOS haben der ehemalige CentOS-Gründen Greg Kurtzer und die Firma CloudLinux jeweils einen eigenen RHEL-Klon angekündigt. Mittlerweile sind beide Produkte unter den Namen Rocky Linux (in Gedenken an ein weiteres CentOS-Gründermitglied) und AlmaLinux fertig und stehen jeweils für zwei Architekturen (x86 und ARM) zur Auswahl. Ich habe beide Klone kurz angetestet und keinerlei Probleme festgestellt.

Cloud Linux hat die weitere Verantwortung für AlmaLinux in die Hände der neu geschaffenen AlmaLinux OS Foundation gelegt, und verspricht außerdem, pro Jahr eine Million Dollar für das Projekt zur Verfügung zu stellen. Zumindest im ersten halben Jahr hinterließ AlmaLinux als Distribution wie als Organisation einen äußerst professionellen Eindruck.

Rocky Linux war mit der Fertigstellung etwas langsamer. Das Ende Juni 2021 vorgestellte Release unterstützt zudem noch kein UEFI Secure Boot. Dieses Feature soll aber in naher Zukunft nachgereicht werden. Rocky Linux genießt immerhin bereits die Unterstützung durch Amazon, Google und Microsoft. (Lesen Sie auch dieses Interview mit dem Greg Kurtzer.)

Machen Sie sich keine Illusionen: Eine echte Beurteilung von AlmaLinux bzw. von Rocky Linux ist aktuell schlicht unmöglich. Die Wartung einer Enterprise-Distribution verlangt einen langen Atem. Die regelmäßige Update-Versorgung über einen Zeitraum von 10 Jahren kostet richtig viel Arbeit (= Geld)! Das gilt umso mehr, wenn demnächst zwei und in ferner Zukunft womöglich drei Major-Versionen (RHEL 8 + 9 + 10) parallel laufen.

Das Überleben von Rocky Linux und AlmaLinux wird also letztlich von der langfristigen Unterstützung durch Sponsoren abhängen. Dementsprechend zeigen beide Projekte auf ihrer Website eine lange Liste von Sponsoren-Logos an :-) Aber ob bzw. welche der beiden Projekte in 10 Jahren noch aktiv sind, kann heute niemand seriös vorhersehen. Den großartigen Ruf, den das CentOS-Projekt hatte und den Red Hat vorigen Dezember quasi über Nacht verspielte, müssen sich AlmaLinux und Rocky Linux erst mühsam erarbeiten.

Das Installations-Programm von AlmaLinux ist nur an der optischen Gestaltung der Seitenleiste vom Original bzw. von den anderen RHEL-Klonen unterscheidbar.

Die Qual der Wahl

Damit sind wir bei der eingangs gestellten Frage: Welcher Klon soll es nun sein?

Selbst habe ich aktuell kein Projekt, wo ich einen RHEL-Klon produktiv einsetzen will. Dafür habe ich im Linux-Unterricht auf der FH Kapfenberg dieses Sommersemester mit Oracle Linux 8 gearbeitet. Ich habe dutzendweise virtuelle Maschinen mit Oracle Linux erzeugt und wieder gelöscht. Das hat vollkommen klaglos funktioniert.

Vielleicht liegt es daran, dass meine Empfehlung am ehesten in diese Richtung geht: Oracle hat schon bewiesen, dass es langfristig einen RHEL-Klon warten kann. Oracle hat die Ressourcen und die Erfahrung. Natürlich könnte Oracle den kostenlosen Zugang zu Oracle Linux jederzeit einstellen — aber persönlich erwarte ich das nicht. Dagegen spricht schon der Umstand, dass Oracle mit dem kostenlosen Angebot den großen Linux-Mitbewerber Red Hat (letztlich also IBM) ein wenig ärgern kann.

AlmaLinux und Rocky Linux machen aus meiner Sicht ebenfalls einen sehr vielversprechenden Eindruck. Ich denke eigentlich nicht, dass Sie mit der Wahl für eine der beiden Distributionen viel falsch machen können. Das liegt auch daran, dass es Migrations-Scripts gibt, die einen Umbau von einen RHEL-Klon in einen anderen bewerkstelligen. Diese Scripts sind vielleicht nicht frei von Problemen, aber sie sollten doch garantieren, dass Sie im Fall der Fälle nicht komplett in der Sackgasse landen.

Vielleicht haben Sie schon eigene Erfahrungen gemacht. Ich freue mich über Ihre Meinung in den Kommentaren!

Quellen/Links

Migrations-Scripts:

11 Gedanken zu „AlmaLinux oder Oracle Linux oder Rocky Linux?“

    1. Ich weiß, natürlich gibt es auch Debian, Ubuntu LTS usw. Das ist hier aber nicht die Frage.

      Es gibt Admins, die RHEL verwenden oder zumindest RHEL-kompatibel bleiben wollen/müssen.

      1. Dann entschuldige ich mich für meinen Kommentar, dort oben. Das war mir nicht ersichtlich das es nur um RHEL kompatible Distributionen geht. Ich habe gedacht das SUSE ähnlich lange Support-Räume anbietet, also warum RHEL. Jetzt ist es mir auch klarer.

        Mit freundlichen Grüßen

        Abbc

  1. Danke für den ausgezeichneten und wie immer treffsicher argumentierten Artikel, Michael. Eine kleine Berichtigung: Rocky Linux wurde von Greg Kurtzer gegründet. Der Name wurde im Gedenken an das mittlerweile verstorbene Gründungsmitglied gewählt.

  2. Ich finde es wirklich bedauerlich, dass es Cloudlinux und die Leute hinter RockyLinux nicht geschafft haben ihre Individualbefindlichkeiten hintenan zu stellen und die Projekte zusammen zu legen. Das schwächt doch letztlich beide. Typich Linux.

  3. „Den großartigen Ruf, den das CentOS-Projekt hatte und den Red Hat vorigen Dezember quasi über Nacht verspielte, müssen sich AlmaLinux und Rocky Linux erst mühsam erarbeiten.“
    Genau so sehe ich das auch. Allerdings gilt das auch für Oracle Linux.
    Schöner bzw. besser wäre es bestimmt wenn Almalinux und Rockylinux zusammen einen CentOS-Nachfolger herausgebracht hätten, denn sowohl der lange Supportzeitraum aber auch die Schnelligkeit bei Updates und Releases wäre bestimmt in Zusammenarbeit besser zu handeln.
    Ich finde es sehr schwer zu entscheiden, was ich bei einer Neuinstallation nehmen soll.
    Bei mir ist das momentan so eine 51% Rockyliux zu 49% Oracle Linux Gewichtung. ;-)
    Für einige Anwendungsfälle finde ich CentOS Stream auch nicht ganz uninteressant.
    Das ist alles natürlich nur meine ganz persönliche Meinung.

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