IPv6 — Eine Leidensgeschichte aus Österreich

IPv6 ist das neue Internetprotokoll, das die Adressknappheit von IPv4 beheben soll. »Neu« ist natürlich relativ, der Standard wurde schon 1998 verabschiedet. Aber als Österreicher lernt man, die Dinge keinesfalls zu übereilen. Andererseits: 23 Jahre …

In Österreich führt der naheliegende Weg zum Festnetz-Internet über die Telekom Austria, kurz A1. Diese Firma genießt — zumindest in meiner Wohngegend — für diese Dienste Quasi-Monopolstatus. (Es gibt Drittanbieter, die aber selbst das Netz der A1 nutzen.)

Dieser Blog-Beitrag fasst zusammen, wie ich kürzlich — anscheinend zufällig — für ca. ein halbes Jahr in den Genuss von IPv6 kam und wie ich diese Funktion mit dem zuletzt durchgeführten Speed-Upgrade wieder verloren habe. Der Vollständigkeit halber vergleiche ich hier auch kurz die IPv6-Versorgung von Österreich und Deutschland. Außerdem erkläre, wie man mit einem geeigneten Modem/Router an der A1 vorbei trotzdem IPv6 nutzen kann — und warum das selten zweckmäßig ist.

Update 10.3.2021: IPv6 is back. Plus ein paar kleine Korrekturen.

Kurzzeitig IPv6

Mein Internet-Zugang funktioniert seit vielen Jahren relativ zuverlässig — wenn auch nur mäßig schnell. Und er kann natürlich nur IPv4.

Eigentlich hatte ich mich schon abgefunden, dass ich IPv4 auf immer treu bleiben würde. Doch im Herbst 2020 ist mir bei einem Blick in den FritzBox-Online-Monitor aufgefallen, dass IPv6 aktiv ist. Cool! Quasi ein IPv6-Upgrade ohne Ankündigung, aber es geht! Was will man mehr?

Ich kann nicht ausschließen, dass ich im Herbst 2020 schon monatelang IPv6 hatte ohne es zu bemerken. Vorigen Oktober habe ich aber ein paar virtuelle Maschinen eingerichtet, die eine private IPv4-Adresse und eine öffentliche IPv6-Adresse haben. Da war IPv6 mehr als willkommen: Plötzlich funktioniert ssh ohne Umwege, ganz wie es sein soll.

Alles bestens also? Fehlanzeige. Vor drei Wochen hatte ich die abwegige Idee, der A1 für ein paar MBit höhere Geschwindigkeit noch mehr Geld in den Rachen zu werfen. Das Speed-Upgrade von 40 auf 80 MBit war schnell erledigt. Tatsächlich erreiche ich zwar nur max. 60 MBit anstelle der versprochenen 80 MBit im Download (mehr gibt die Leitung zur Vermittlungsstelle leider nicht her), aber diesbezüglich will ich hier nicht jammern: Immerhin ist der Upload deutlich flotter geworden. Das ist in Corona-Zeiten mit Home-Schooling und E-Unterricht auch viel wert. Trotzdem muss ich natürlich lachen, wenn ich die Gigabit-Werbung von A1 höre/sehe. Schön wär’s.

Als ich ein paar Tage nach dem Upgrade wieder meine virtuellen Maschinen nutzen wollte, funktionierte ssh plötzlich nicht mehr. ping6 eben so wenig. Ein Blick in den Online-Monitor der Fritzbox zeigt: IPv6 ist weg. Speed-Upgrade mit IPv6-Downgrade also?

A1-Service-Hotline: »Was ist IPv6?«

Da ist sicher ein Fehler passiert, der lässt sich leicht beheben, oder? Die erste Dame in der A1-Service-Hotline war ausnehmend freundlich, aber IPv6 war für sie offensichtlich ein Fremdwort. Da müsse Sie mich mit der Technik verbinden. Die Dame von der Technik war nicht minder höflich und zuvorkommend, aber technisch nur unwesentlich versierter. Sie müsse nachfragen. Das tat sie dann im Laufe unseres fast halbstündigen Gesprächs noch öfter.

Lange Rede kurzer Sinn: Warum ich im vergangenen halben Jahr IPv6 hatte, konnte sich bei der A1 keiner erklären. Vorgesehen sei dies nur für Business-Kunden. (Update: Das stimmt so auch nicht. »Kleine« Business-Kunden bekommen standardmäßig anscheinend auch kein IPv6. Es gibt aber diverse Angebote für Großkunden.) Es sei unmöglich, IPv6 einfach wieder zu aktivieren. Aber wenn ich diese Funktion dennoch unbedingt brauche, solle ich diesen Wunsch schriftlich deponieren. (Ob es etwas nützen würde, blieb offen.)

Was heißt schriftlich? Hat die Telekom Austria kein E-Mail? Sie hat, aber nicht für den Kundenkontakt. Der erfolgt wahlweise über Kara (das ist ein Chat-Bot mit der Intelligenz eines Papageis, wobei das vermutlich eine Beleidigung für alle Papageien ist), über das Telefon (wie gesagt, wirklich freundlich) oder eben schriftlich.

Die wollen natürlich, dass ich endlich aufgebe. Stattdessen schreibe ich mir meinem Ärger in diesem Blog-Beitrag von der Seele. Der Brief ist selbstverständlich auch schon geschrieben, mangels Briefmarken aber noch nicht versendet. Da bin ich auf jeden Fall dankbar, dass wir eine moderne Post haben. Sonst müsste ich befürchten, mein Brief würde per Pferdekutsche in die vom K&K-Geist durchdrungene Telekom-Austria-Zentrale transportiert …

Immer wieder Córdoba: Deutschland gegen Österreich

Aus den Zugriffen auf https://kofler.info (meine Website ist seit vielen Jahren per IPv6 erreichbar) weiß ich, dass der IPv6-Anteil mittlerweile bei ca. einem Drittel liegt. Wo kommen die vielen IPv6-Zugriffe eigentlich her? Überwiegend aus Deutschland, auch aus der Schweiz, aber kaum aus Österreich.

Zur IPv6-Versorgung verschiedener Länder gibt es natürlich aussagekräftigere Statistiken. Beispielsweise gibt es bei Akamei eine Weltkarte samt statistischen Daten zur IPv6-Versorgung. Demnach führt Indien mit über 60% IPv6-Verbreitung. Die folgende Tabelle nennt ein paar ausgewählte Länder, Stand Anfang März 2021:

Platz   IPv6-Verbreitung     Land
------- ------------------   -----------------
1       62%                  Indien
4       46%                  Deutschland
7       44%                  Frankreich
8       43%                  Schweiz
9       41%                  USA
10      41%                  Japan
22      30%                  Großbritannien
34      20%                  Rumänien
35      20%                  Österreich
36      20%                  Myanmar

Die IPv6-Versorgung in Österreich liegt demnach auf Platz 35, zwischen der von Rumänien und Myanmar. Ähnliche Daten, wenn auch für weit weniger Länder, finden sich bei apnic.net (siehe auch die folgende Abbildung). Umfassende Statistiken kann auch Google beisteuern. Die Ergebnisse sind ähnlich trostlos. Mit IPv6 ist’s anscheinend wie beim Fußball: Österreich gegen Deutschland, das geht aus österreichischer Perspektive selten gut.

Keine Corona-Karte, sondern die IPv6-Versorgung in Deutschland, Österreich, der Schweiz und einigen weiteren Ländern (Bildquelle: https://stats.labs.apnic.net/ipv6/AT)

Trotzdem IPv6

Wer wirklich hartnäckig ist, kann IPv6 selbst dann nutzen, wenn der Provider dies nicht vorsieht. Voraussetzung ist nur ein vernünftiger Router (früher Modem bezeichnet). Im Menü meiner FritzBox kann ich IPv6 einfach so aktivieren: Dialogblatt Internet / Zugangsdaten / IPv6, Option Tunnelprotokoll verwenden, Option 6to4. Fertig!

Nicht empfehlenswert: Die Übergangstechnik 6to4

Leider ist das zu schön, um wahr zu sein. IPv6 funktioniert zwar, aber bald tauchen in Google die ersten Hinweise auf, dass 6to4 eine veraltete Technik ist (siehe auch die Wikipedia). Spätestens, wenn man zum dritten Mal Captchas löst, um eine Google-Abfrage durchzuführen, schaltet man diese Option entnervt wieder aus.

Die Alternative zu 6to4 ist ein »echter« IPv6-Tunnel. Früher gab es eine Menge Anbieter, die solche Tunnel kostenlos zur Verfügung stellten. Übrig geblieben ist heute unter anderem Hurricane Electric. Bei dieser Firma können Sie einen kostenlosen Account einrichten und dann — ebenfalls kostenlos — einen Tunnel beantragen. Dabei müssen Sie die aktuelle IPv4-Adresse Ihres Routers angeben, außerdem den gewünschten Tunnel-Endpunkt. Zur Wahl stehen unter anderem Budapest, Zürich, Berlin und Frankfurt. Ich habe mich wegen des schnellsten Pings für Budapest entschieden.

Eckdaten eines IPv6-Tunnels von Hurricane Electric

Nun gilt es, diese Eckdaten im IPv6-Setup der FritzBox einzutragen. Dafür wählen Sie die Option 6in4.

FritzBox-Konfiguration für HE-Tunnel (Teil 1)

Damit ist es aber nicht getan. Damit der Tunnel funktioniert, muss Hurricane Electric wissen, welche IPv4-Adresse Sie gerade haben. Die ändert sich aber jedesmal, wenn die FritzBox die Internet-Verbindung neu herstellt, typischerweise alle paar Tage. Glücklicherweise kommt uns hier das DynDNS-Service der FritzBox zu Hilfe. Im Dialog Internet / Freigaben / DynDNS aktivieren Sie diesen Service, wählen Anbieter = Benutzerdefiniert und geben dann als Update-URL eine Zeichenkette an, die Sie auf der TunnelBroker-Website im Dialogblatt Advanced finden (Feld Example Update URL). Im FritzBox-Dialog wählen Sie nun einen beliebigen Domain-Namen (ich habe einfach fritzbox verwendet). Benutzernamen und Kennwort extrahieren Sie aus der URL, die den Aufbau https://benutzername:passwort@ipv4.tunnelbroker.net/nic/update?hostname=nnnnnn hat.

FritzBox-DynDNS-Konfiguration für den IPv6-Tunnel (Teil 2)

Mit dieser Konfiguration wird der IPv6-Tunnel nach jeder Internet-Neuverbindung aktualisiert und innerhalb weniger Sekunden aufgebaut.

Wie gewonnen, so zerronnen

Die Österreicher sind ja bekanntlich nicht Fußball-, sondern Tunnelbauweltmeister. Aber nicht jeder Tunnel ist großartig. Der von Hurricane Electric hat gleich mehrere Nachteile:

  • Für GeoLocation-Dienste bin ich nun mit IPv4 in Österreich, mit IPv6 aber in Ungarn. Suboptimal.

  • Die Ping-Latenz bei IPv6 ist etwa doppelt so groß wie die von IPv4. (Die genauen Laufzeiten variieren, je nachdem, wie groß der Umweg über meinen Tunnelendpunkt Budapest zum tatsächlichen Ziel ist. Zum Teil scheinen die IPv6-Pings auch gar nicht durchzugehen.)

  • Die Download-Geschwindigkeit in IPv6 war bei meinen Tests nur halb so groß wie die in IPv4 (gemessen mit https://ipv6-test.com). Naturgemäß variieren die Ergebnisse, je nachdem, wie groß die Geschwindigkeit Ihres »echten« Internetzugangs ist, wie groß der Tunnel-Umweg und wie hoch die Auslastung des Tunnel-Servers.

Bitte reduzieren Sie Ihr Tempo im Tunnel …

Alles in allem ist das kostenlose Angebot von Hurricane Electric großartig, um IPv6 zu testen. Für den dauerhaften Betrieb ist es aber mit erheblichen Einschränkungen verbunden.

Bitte an die A1

Sollte diesen Blog-Beitrag jemand von der A1 lesen, würde ich mich wirklich sehr freuen, wenn Sie mir IPv6 einfach wieder aktivieren. Dass das technisch möglich ist, weiß ich nun ja. Eine Kontakt-E-Mail gibt es unter https://kofler.info/impressum. Ich würde diese Dienstleistung hier auch lobend erwähnen :-)

Die Zeiten, wo IPv6 etwas Besonderes ist, eine Barmherzigkeit des Providers an seine Kunden, sollten endlich vorbei sein. IPv6 ist ein Standard und eine Selbstverständlichkeit.

Update: Die A1 hat mein Flehen vernommen — ich bedanke mich ganz ausdrücklich dafür!

Nach einem weiteren sehr freundlichen Telefonat, diesmal auf höchstem technischen Niveau, wurde das Dual-Stack-Setup, wie ich es im Herbst/Winter 2020/2021 schon hatte, neuerlich aktiviert. Unklar bleibt, warum IPv6 zwischenzeitlich verschwunden ist — mit dem Upgrade hätte es anscheinend nichts zu tun gehabt. Pech beim Timing, sozusagen.

Unklar ist auch, warum IPv6 offenbar selektiv (siehe auch lteformum.at), aber nicht generell aktiviert wird, wenn die technischen Möglichkeiten auf A1-Seite ja ohnedies gegeben sind. Ein Hindernis scheint der Router zu sein. Offensichtlich sind nicht alle Modelle, die die A1 zur Verfügung stellt, IPv6-tauglich. (Die FritzBox erhält man bei der A1 aktuell nur gegen Bezahlung. Wobei dieser Mehrbetrag — zumindest aus meiner Sicht — sehr lohnend investiert ist. Allein schon wegen der viel höheren Stabilität. Von den vielen Zusatzfunktionen ganz zu schweigen.)

Quellen, Links

5 Gedanken zu „IPv6 — Eine Leidensgeschichte aus Österreich“

  1. Witzig ist das es auch andersrum geht. In Deutschland ist IPv6 tatsächlich bei den meisten vorhanden. Eine (öffentliche) IPv4 Adresse dagegen wird immermehr zum Premiumprodukt.
    Besonders bei Internet über Kabel (z.B. Kabel Deutschland; jetzt Vodafone) bekommen Kunden oft nur noch öffentliche IPv6 Adressen aber lediglich private IPv4 Adressen. IPv4 Internet wird dann nur über Carrier Grade NAT ermöglicht, also das NAT auf Providerseite wo sich somit mehrere Haushalte eine öffentliche IPv4 teilen…
    Aber auch immer mehr andere Provider gehen dazu über. Die deutsche Telekom gehört aber (noch) nicht dazu.

    Ich persönliche stehe dem skeptisch gegenüber. Schließlich funktionieren durch dieses Konzept Zugriffe auf dein Heimnetz über IPv4 nicht mehr; schließlich wird der Provider kaum für dich eine Portweiterleitung einrichten.
    Da ich in der IT Arbeite kriege ich auch mit das Nutzer solcher Anschlüsse überproportional oft von Einschränkungen und Problem bei VPN Verbindungen betroffen sind.. Oft sind es vorallem die UDP Pakete die irgendwie zwischen Anschluss und VPN Server „verloren“ gehen… Der Support der Provider blockt Kunden jedoch oft schon in erster Instanz ab und schlussendlich heißt es das VPN funktioniert nicht richtig weil surfen geht ja und speedtest auch…
    (Ok ich muss natürlich gestehen der VPN Zugang kann aktuell nur IPv4; Würde man auch eine IPv6 Einwahl zur Verfügung stellen wäre das Problem vermutlich ebenfalls gelöst. Aber das ist ein anderes Thema)

    Will man dann doch eine öffentliche IPv4 Adresse muss man diese oft kostenpflichtig beantragen. Die ist dann aber auch statisch und nicht dynamisch. Je nach Provider muss man dafür aber auch erst einen Business Anschluss buchen.

    Aber die, die das tun haben dann auch keine Probleme mehr mit dem VPN…

    Also ja: IPv6 ist schön. Aber IPv4 auch (noch) :)

  2. Ich kann die IPv6 leiden etwas nachvollziehen. Hatte vor Jahren schon IPv6 Tunnel in Verwendung um so auch ‚von aussen‘ auf meine Geraete zu Hause verbinden zu koennen. Allerdings hat mein Anbieter vor einiger Zeit den Dienst eingestellt.
    Nach etwas IPv6 Abstinenz bin ich vor einiger Zeit zu Fonira gewechselt. Statische IPv4 (gegen ein paar Euro Aufpreis), IPv6 Subnetz (/60) , schnell, guenstig(er als A1) und auch zuverlaessig.

    1. Der Artikel IST aktualisiert. Ein Mitarbeiter der Telekom hat mich drei Tage nach Erscheinen des Artikels angerufen und IPv6 wiederhergestellt. Die Hintergründe bleiben aber unklar. Warum ist IPv6 verschwunden? Warum wird es nicht generell aktiviert, wenn bzw. wo die technischen Möglichkeiten bestehen?

  3. Auch bei mir war eine Zeitlang IPv6 aktiviert am Kombi-Anschluss von A1 in der Wohnung, aber nicht im Büro.
    Einige Wochen später war IPv6 im Büro aktiviert, dafür nicht mehr in der Wohnung…

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