Debian 11 »Bullseye«

Es gibt — wie immer — zwei Sichtweise auf das neue Debian: Die positive (»Das Glas ist halb voll«) Interpretation geht in die Richtung, dass Debian im Vergleich zum letzten Release deutlich moderner geworden ist, teilweise nahezu aktuelle Software-Versionen ausliefert, neue Funktionen bietet — und das für viel mehr Plattformen als bei jeder anderen Linux-Distribution.

Die nicht so euphorische Sichtweise (»Das Glas ist halb leer«) bedauert die im Vergleich zu Fedora oder Ubuntu nicht ganz so aktuelle Software-Ausstattung und das unverändert altmodische Erscheinungsbild des Installationsprogramms. Andererseits erfüllt der Installer seinen Zweck — und wer es gerne moderner hat, kann ja den Calamares-Installer der Live-Medien verwenden.

Das Erscheinungsbild des Debian-Installationsprogramms ist seit vielen Jahren unverändert geblieben.

Bei der Installation stehen diverse Desktop-Systeme zur Auswahl.
Standardmäßig verwendet Debian 11 als Desktopsystem Gnome 3.38.

Neuerungen

Abseits von Versionsnummern gibt es nur wenige grundlegende Neuerungen in Debian 11:

  • Unkomplizierte exFAT-Unterstützung (für große SD-Karten)

  • Treiberloses Drucken/Scannen mit vielen neuen Geräten (dank IPP-over-USB sowie eSCL und WSD)

  • Mit open datei kann aus dem Terminal heraus ein GUI-Programm als Hintergrundprozess geöffnet werden. open Downloads/bild.jpg startet beispielsweise den Bildbetrachter. open ist ausgesprochen praktisch und wird vor allem macOS-Umsteiger erfreuen. (Unter macOS gibt es ein entsprechendes Kommando schon seit vielen Jahren.) Intern ist open einfach ein via updates-alternatives --config open verwalteter Link auf das schon länger etablierte Script xdg-open, das die MIME-Einstellungen auswertet. (Anstelle von xdg-open kann auch run-mailcap eingestellt werden.)

  • Control Groups v2: Die Kernel Control Groups zur Überwachung/Steuerung von Prozessen liegt jetzt in Version 2 vor. Das ist wichtig u.a. für Container-Systeme wie Docker oder Podman. Diese Umstellung kann allerdings Probleme mit OpenStack verursachen (Details).

  • User Namespaces aktiv: Eine Neuerung von Kernel 5.10 besteht darin, dass normale Benutzer User Namespaces verwenden dürfen. Das ist wichtig für Containersysteme (Rootless Docker, Podman).

  • FUSE 3: Die Dateisysteme gvfs-fuse, kio-fuse und sshfs nutzen nun FUSE 3 anstelle der bisher üblichen Version 2.

  • Das von systemd stammende Logging-System Journal wird jetzt dauerhaft im Binärformat in /var/log/journal gespeichert, geht also nicht wie in früheren Debian-Versionen mit jedem Reboot verloren. (Parallel zum Journal läuft weiterhin auch der rsyslogd und erzeugt die traditionellen Text-Logging-Dateien in /var/log.)

  • Passwort-Hashes in der Datei /etc/shadow wurden von SHA-512 auf das sicherere Verfahren yescrypt umgestellt.

Ärgernisse

sudo: Ein wenig irritierend ist, dass der »gewöhnliche« Installer (also nicht der der Live-Medien) nach wie vor keine Möglichkeit bietet, den neuen Benutzer zur sudo-Gruppe hinzuzufügen. Das ist mittlerweile bei fast allen anderen Distributionen das Standardverhalten.

Abhilfe: Führen Sie mit root-Rechten usermod -a -G sudo <accountname> aus, um sudo für den betreffenden Account zu aktivieren.

Bitte legen Sie das Medium mit dem Namen ‚Debian GNU/Linux‘ ein: Der Standardinstaller hinterlässt in /etc/apt/sources.list eine Zeile mit dem Installationsmedium (USB-Stick oder DVD). Wenn Sie nach der Installation ein Paket installieren wollen (apt install <name>), will apt, dass Sie das Installationsmedium wieder einlegen, anstatt das betreffende Paket einfach herunterzuladen. Das ist (schon seit vielen Jahren) nicht mehr zeitgemäß.

Abhilfe: Öffnen Sie /etc/apt/sources.list mit einem Editor und entfernen Sie die Zeile, die mit deb cdrom beginnt.

Cannot set locale en_US.utf-8: Wie aktuell bei diversen anderen Distributionen tritt auch bei Debian ein Problem mit den Lokalisierungseinstellungen ein, wenn während der Installation die deutsche Sprache voreingestellt wird. Nach einem SSH-Login jammert Debian: bash: warning: setlocale: LC_ALL: cannot change locale (en_US.utf-8). Es wurde also die deutsche Lokalisierung installiert, nicht aber die englische (die als Backup immer zur Verfügung stehen sollte).

Abhilfe: Führen Sie mit root-Rechten dpkg-reconfigure locales aus und aktivieren Sie zusätzlich zur schon voreingestellten Lokalisierung auch en_US.utf-8.

Die fehlende Lokalisierung »en_US.UTF-8« aktivieren

Versionsnummern

Basis             Desktop             Programmierung   Server
---------------   ------------------  --------------   --------------
Kernel     5.10   Gnome        3.38   bash       5.1   Apache     2.4
glibc      2.31   Firefox ESR    78   docker   20.10   CUPS       2.3
X-Server   1.20   Gimp         2.10   gcc       10.2   MariaDB   10.5
Wayland    1.20   LibreOffice   7.0   Java     11/17   OpenSSH    8.4
Mesa       20.3   Thunderbird    78   PHP        7.4   qemu/KVM?  5.2
Systemd     247                       Python     3.9   Postfix    3.5
NetworkMan 1.30                                        Samba     4.13
GRUB       2.04 

Der Linux-Kernel ist zwar nicht ganz aktuell, dafür genießt er aber Langzeitunterstützung durch das Kernel-Entwickler-Team.

Die Unterstützung von Java 17 ist insofern bemerkenswert, als die kommende LTS-Version von Java noch gar nicht fertig ist. Indem schon jetzt Pakete mitgeliefert werden, können später (vorauss. im Okt. oder Nov. 2021) unkompliziert Updates installiert werden. Als »offizielle« Java-Version von Bullseye gilt aber Java 11. Die Release Notes weisen darauf hin, dass es für Java 17 voraussichtlich keine quartalsmäßigen Updates geben wird (was schade ist).

Plattformen (Architekturen)

Debian 11 steht für die folgenden Plattformen zur Verfügung:

  • Standard-PCs: i386 und amd64
  • ARM: arm64, armhf, armel
  • MIPS: mipsel, mips64el
  • PowerPC: ppc64el
  • S390X: s390x

Weitere Details zur Hardware-Unterstützung können Sie hier nachlesen:

Fazit

Debian hat einmal mehr ein grundsolides Release geliefert. Sensationen bleiben aus, Glanz und Charme versprüht die Distribution auch nicht. Dafür läuft Debian zuverlässig und stabil und bildet direkt (Ubuntu, Raspberry Pi OS) oder indirekt (Ubuntu Derivate) die Basis für zahlreiche weitere Distributionen. Insofern macht Debian — ohne über ein Budget wie Canonical, IBM/Red Hat oder SUSE zu verfügen — alles richtig. Wer mehr Aktualität sucht, kann den Testing-Zweig verwenden.

Quellen und Testberichte

Download-Links (jeweils für AMD/Intel 64 Bit)

3 Gedanken zu „Debian 11 »Bullseye«“

  1. Einen sudo-Nutzer legt man bei der Installation einfach an, indem die Eingabe des root-Passwortes ‚übersprungen‘ wird.

    Das funktioniert auch bei netinstall-Medien & Co..

  2. Ich habe mir vor ca. 3 Wochen Debian 11 auf Platte gebügelt. Dabei gefällt mir LXDE noch am besten und es ist auch am stabilsten (meiner Meinung nach). Zugegeben, etwas altbacken ist Debian schon und einige Sachen könnte man schon auf den neuesten Stand bringen, bzw. etwas moderner gestalten. Aber dafür habe ich ein felsenfestes und stabiles System, das einfach nur läuft und rennt, wie Schmidts Katze – mehr will ich gar nicht.
    Mit Debian macht man nix falsch.

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